Wohnen statt abrocken

(Quelle: Lippische Langeszeitung 10.09.2009)

Sonntag öffnet der Schuseil Rohbau, die langjährige gute Seele Ortrud Wunsch war schon drin.

Am Tag des Offenen Denkmals am Sonntag, 13. September, gibt‘s das Haus Schuseil zu besichtigen. Jahrzehnte war es als Jugendtreff legendär. Gelegenheit für die LZ, mit Ortrud Wunsch durchs Haus zu gehen.

Bad Salzuflen. Fast zehn Jahre war sie nicht drin. Vieles hat sich verändert, Handwerker brechen Wände und ziehen neue. Ein Treppenhaus ist schon drin, gute Fenster zum Teil. Es gibt keine Livemusik von Rockbands aus Bad Salzuflen und Umgebung mehr, zurzeit hören die Handwerker Radio-Pop.
Ortrud Wunsch ist dennoch sofort wieder ganz in ihrem Element, ganz die Jugendarbeiterin, die sie viele Jahre hier im Schuseil war. „Hier war geöffnet bis 1 Uhr nachts, wir haben Konzerte präsentiert, es gab Kindertheater, Krabbelgruppen, Frauentreffen. Das war im Grunde ein Bürgerhaus. Die Leute kamen von überall, aus Osnabrück oder Hannover“, sprudelt es aus ihr heraus. Ortrud Wunsch ist 69, aber sie ergreift uneingeschränkt Partei für die jungen Leute. So etwas wie das Schuseil fehle einfach in der Innenstadt, ist sie sicher. „Man darf sich nicht wundern, wenn die Jugendlichen auf der Straße rumhängen.“
Ortrud Wunsch erzählt mit Händen und Füßen von dem „Käfig“, der an dieser Stelle hing (darin war die Discoanlage untergebracht), von der Bühne an jener Stelle und dem Lehm-Ofen im Keller. Im Flur hängen noch Plakate, und Ortrud Wunsch erinnert an Konzerte aller Art. Wer auft reten wollte, durft e auft reten. „Dajana Loves Paisley“ war da und viele andere.
Das ist Geschichte. Seit 2002 stand das Haus einige Jahre leer, schließlich kaufte Guido Kramp es der Stadt ab – für einen Euro. Bedingung: Binnen fünf Jahren musste es saniert sein. „Ende des Jahres ist es soweit“, kündigt Kramp an. Mit viel Liebe baut er das Schuseil zu einem Vierfamilienhaus um. Außenfassade und Rohbau sind fertig. Der Saal in der oberen Etage wurde verkleinert, vom Keller bis zum Dachboden gibt es neue oder frisch verputzte Wände. Kramp hält sich streng an alte Pläne, er lobt die Zusammenarbeit mit Denkmalpfleger Eduard Menke. „Nur, was nicht originale Bausubstanz war, haben wir ‘rausgenommen.“ Gipskarton und anderes wurde entfernt, aus Feuerschutzgründen ebenfalls die alten Treppen. Zwei etwa 70 Quadratmeter große Wohnungen entstehen, die anderen beiden sind mehr als doppelt so groß. Die historischen Techniken, die Kramps Handwerker beherrschen, sind am Sonntag zu beobachten, Zimmer- und Lehmbauarbeiten werden gezeigt. Das Interesse ist groß, berichtet Kramp.
Ortrud Wunsch weiß sehr wohl, dass das Schuseil renoviert werden musste, dass es nach ihrer Pensionierung auch personell nicht einfach war, das Haus so weiterzuführen. Ja, sagt sie, das mache sie alles traurig. Nicht um ihretwegen, um der Jugend wegen. Sie könne im Gegensatz dazu nach Dortmund oder Hannover fahren, habe Coldplay („bisschen zu soft “) gesehen, davor Placebo. Und diese Bands haben ja auch in kleinen Clubs begonnen, wie es das Schuseil war.

Wohnhaus, Tabakfabrik und Jugendzentrum

Geschichte: Bürgermeister Georg Schröder hat das dreigeschossige spätere „Haus Schuseil“, Turmstraße 23, im Jahr 1632 erbauen lassen. Denkmalpfleger sehen die „besondere baugeschichtliche Bedeutung“ des Hauses heute insbesondere in der Lösung des vom B&uumlrgermeister gewollt großen Raumprogramms an dieser topografisch schwierigen Stelle, der steilen Hanglage. 1800 wurde eine Scheune angebaut. So alt ist etwa auch die Hälfte der noch vorhandenen Fenster, denen nun neue energetisch hochwertige von innen vorgesetzt werden. Auch die 1870 ergänzte Terrasse wird wieder hergerichtet. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde in dem Gebäude eine Zigarrenfabrik betrieben. 1967 kaufte die Stadt das Haus und etablierte in ihm das Jugendzentrum „Haus Schuseil“, das 2002 geschlossen wurde. Interessenten können das Haus am kommenden Sonntag, 13. September, von 10 bis 17 Uhr besuchen. Es wird seit dem vergangenen Jahr instand gesetzt – die Wohnungen sollen Ende dieses Jahres bezugsfertig sein. Dann wird Guido Kramp 800 000 Euro in das Haus investiert haben. (mah)