„Torhaus-Giebel muss in die Werkstatt“: Eine der schönsten Fassaden der Stadt hat Sanierungsbedarf

(Quelle: Lippische Landeszeitung vom 17. August 2007)

Lemgo (te). Sie gilt als eine der interessantesten geschnitzten Fassaden im ganzen Weserraum: die Ansicht des Torhauses an der Mittelstraße 24. Nunmehr wird der Blick auf das Original bis mindestens Ende des Jahres nicht mehr möglich sein. Der Fachwerkgiebel aus der Renaissance wird abgenommen und restauriert.

Seit Mittwoch sind die Handwerker der Liemer Restauratorenfirma Kramp und Kramp am Werk. Sie nehmen den reich geschnitzten Fachwerkgiebel ab dem zweiten Obergeschoss des Torhauses ab und setzen stattdessen eine Holzverschalung vor das Haus. Denn für die Restaurierung muss der Giebel in die Werkstatt gebracht werden. Bei einem Besuch auf dem Baugerüst zeigt sich warum: Die Hand von Restaurator Guido Kramp verschwindet bis zum Gelenk in den morschen Resten eines alten Eichenbalkens. Bei der letzten Sanierung in den 70er Jahren, so berichtet Bauleiter Martin Kämper, war die Holzsubstanz des 1593 errichteten Gebäudes offenbar schon stark angegriffen.

"Damals wurden viele Fehlstellen mit Holzergänzungsmasse nachmodelliert", sagt er. Seinerzeit sei das Stand der Technik gewesen, sagt Kämper. Aber heute zeigen sich die Folgen. Dick liegen Farbe und Spachtelmasse auf dem ursprünglichen Holz. Dennoch hat das Wasser einen Weg dahinter, aber nicht mehr hinaus gefunden. "Wenn Wasser nicht mehr ,rausatmen' kann, wird es gefährlich für das Holz", schildert der Techniker für Baudenkmalpflege.
Bei der neuen Sanierung bleibt erhalten, was zu erhalten ist, die schadhaften Stellen werden laut Kämper aus alten Eichenbalken nachgeschnitzt. Für die Vorlage ist zuvor eine "Fotogrammetrie" vorgenommen worden. Der Begriff steht für eine Fotovermessung mit Laserpunkten.

Die Hand im Balken: Restaurator Guido Kramp kann locker in das morsche Holz greifen. (Foto: Engelhardt)

Üppige Renaissance-Symbolik

Bis Ende des Jahres will das Unternehmen die Restaurierung in der Werkstatt abgeschlossen haben. Der Wiederaufbau erfolge je nach Witterung danach, sagte Kämper. Auswirkungen auf die Nutzung der Passage oder den Hertie-Kaufhausbetrieb ergäben sich nicht. Der Besitzer des Hauses, "Dawnay, Day" Deutschland lässt sich die Sanierung nach Angaben der Firma eine knapp sechsstellige Summe kosten.

Das Torhaus gehört zum benachbaren "Haus Sonnenuhr". Ursprünglich, so hat Kämper für die Baudokumentation aus verschiedenen Quellen zusammengetragen, war es nur als Hofdurchfahrt gedacht, dann wurde es aber 1593 als Leibzucht zu einem dreigeschossigen Nebenhaus ausgebaut. Bekannt ist es für sein reichhaltiges Renaissance-Schnitzwerk. Die Zierornamente am 2. Obergeschoss zeigen die Köpfe eines Mannes und einer Frau, die auf die Erbauer Jobst von der Wipper und Catharina von Briel hinweisen. Ihnen sind wappenähnliche Symbole zugeordnet. Eine Etage höher sind allegorische Schnitzwerke zu sehen, Vögel stehen dabei für positive und negative Symbolik, ein Affe repräsentiert die Hoffart (Hochmut), ein Bär die Freundlichkeit und ein Löwe die Kraft.

Um 1900 wird in den Torbogen ein Laden eingebaut, das Haus ist verputzt. Im Jahre 1950 wird der Fachwerkgiebel wieder freigelegt und erstmals saniert. nach der Übernahme des Hauses durch Karstadt 1973 erfolgt in den 70er Jahren dann die letzte bisherige Instandsetzung.
Hinter der Fassade findet sich übrigens nicht viel. Im 1. Obergeschoss ist eine WC-Anlage des Kaufhauses untergebracht, darüber steht das Torhaus leer.

Ganz müssen die Lemgoer und die Stadtbesucher auf die Giebelansicht indes nicht verzichten. Zumindest Teile des Baus sind auf einer Folie zu sehen, die demnächst das Gerüst verdecken wird.