Sie nannten ihn Professor

(Quelle: LZ vom 16.01.02)

Lemgo. Seine Mitschüler in Bad Salzuflen müssen vor gut 30 Jahren schon geahnt haben, was in ihm steckt: Sie nannten ihn "Professor". Wegen seiner künstlerischen Ambitionen. Horst Schneider hat keinen Professorentitel. Doch der Handwerker ist ein Künstler und Meister seines Fachs.

Die Palette in der einen, den Pinsel in der anderen Hand, so steht der 46-Jährige auf dem nur zehn Zentimeter breiten Sims. Rechts die Wand, auf dem sein Werk noch den letzten Feinschliff erwartet, links das Wasser. "Zum Glück sind Fliesen trocken", lacht Schneider. Denn zum Plantschen im Schwimmbad des Lemgoer Privathauses ist dem in Wüsten wohnenden Vater zweier Kinder in diesem Moment nicht zumute.

Gut zwei Monate hat er in dem Lemgoer Haus zugebracht, um seinen Auftraggebern südländische Atmosphäre zu vermitteln, wenn sie im etwa zehn mal fünf Meter großen Pool im Erdgeschoss ihres Eigenheimes schwimmen wollen. Palmen, Strand, Möwen und Echsen sind zu sehen - Wirklichkeit und gemalte Scheinwelt scheinen übergangslos zu verschwimmen.

Die Technik, die Horst Schneider verwendet, heißt Trompe-l'oeil-Malerei, die als hohe Kunst der "Augentäuschung" in der Renaissance ihren Ursprung hat. Entferntere Bildelemente werden dabei ebenso präzise ausgearbeitet wie dominierende Objekte im Vordergrund. In den vergangenen Jahrhunderten ist die Trompe- l'oeil-Malerei von anfänglich auf Stilleben beschränkte Werke auf räumliche Szenerien und Landschaften erweitert worden. Mit seiner Wandmalerei im Schwimmbad, bei dem ihm seine 15-jährige Nichte Astrid Görtler hilfreich zur Seite stand, will er dem Betrachter durchaus eine "sorgenfreie Atmosphäre" suggerieren. "Vielleicht auch so die Sehnsucht nach dem Paradies."

Ganz brotlos ist diese Kunst nicht ("Dafür bekommt man schon einen Kleinwagen"), aber für den Lebensunterhalt einer Familie reicht es nicht. Dafür sind die Aufträge zu selten. Malt Schneider nicht, ist er als Restaurator und Stuckateur in Diensten der Liemer Firma Kramp & Kramp tätig. Wobei sein Chef Andreas Kramp die Ader seines Mitarbeiters zu schätzen weiß und zum Beispiel auch als Bildhauer arbeiten zu können.

"Eigentlich bin ich Restaurator", sagt Horst Schneider, der sich rein aus Interesse als Gasthörer an der Gesamthochschule Paderborn der Bauhistorik widmete und so zur dreijährigen Ausbildung als Restaurator kam. Jedoch: "Die eigene Kreativität ist gleich Null. Restauratoren müssen sich exakt an Vorgaben halten." Was er nicht als Fehler ansieht. Doch für ihn persönlich war es nicht das Maß aller Dinge.

Schneider fing erneut von vorn an. Er wurde Stuckateur. Der Lehre folgte drei Jahre später der Meisterbrief. Heute ist der 46-Jährige in ganz Europa unterwegs. Für einen Kunden in Süddeutschland ist er zum Beispiel nach Italien gefahren, um in einer Villa bei Verona einen mehr als zwei Meter hohen Löwenkopf zu kopieren und ihn später aus Alabaster-Gips für einen Kamin zu modellieren.

Sein Wissen gibt Schneider an den Nachwuchs weiter - als Ausbilder für Stuckateure, Bildhauer und Maler in der Ausbildungsstätte Schloss Raesfeld im Münsterland.

(Foto: Scherzer)