Living Human Treasures in der Restaurierung und Denkmalpflege

(Quelle: „Restaurator im Handwerk, Ausgabe 2006/2007“)

Von Achim Fiebig, Guido Kramp, Klaus Puls.

Seit geraumer Zeit lenkt die UNESCO ihre Aufmerksamkeit auf die „Living Human Treasures“, in deutscher Übersetzung „lebende menschliche Schätze“. Sie betreffen außerordentliche gefährdete Bereiche der immateriellen Kultur, d.h. insbesondere Bereiche, deren Existenz an lebende Menschen gebunden ist. Dazu gehören weltweit viele vom Aussterben bedrohte Sprachen und der mehr und mehr verschwindende Erfahrungsschatz des alten Handwerks. Das Anliegen der UNESCO wird durch ein Programm gestützt, dessen Ziel darin besteht, die Mitgliedsstaaten zu ermutigen, die Traditionsinhaber und Handwerker großen historischen Erfahrungsschatzes zu unterstützen und die Übertragung ihrer Kompetenz auf die junge Generation zu gewährleisten.

Erhalt handwerklicher Erfahrungen

Das Anliegen der UNESCO kann als besondere Aufforderung für den Bereich der Restaurierung und Denkmalpflege verstanden werden, sich für den Erhalt handwerklicher Erfahrungen einzusetzen, die eng mit den Materialien und Herstellungstechniken des überlieferten Kulturgutes verbunden sind.

Bislang war das Weltkulturerbe vor allem auf die vom Menschen geschaffene Objekte, wie die Wörlitzer Kulturlandschaft, das Kloster Lorsch oder weitere Bereich des kulturellen Erbes der Stadt Potsdam. Das Neue jetzt ist, dass es ergänzend darum geht, jene Kenntnisse und Fertigkeiten zu erhalten, die sich an den lebenden Menschen und seine Kreativität binden und mit seinem Tod unwiderruflich verloren gehen.

Die Qualität der Restaurierung und Denkmalpflege entscheidet sich nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der ausführenden handwerklichen Praxis. In manchen Fällen ist der ältere, erfahrende Meister sogar der Theorie weit voraus. Restauratoren im Handwerk können auch oft historische Fertigungstechniken aus der Sicht des Aufwand-Nutzenverhältnisses besser nachvollziehen. Eine Verbindung mit den modernen wissenschaftlichen Methoden der Technologie- und Schadensanalyse wird der Bewahrung der verschiedenen temporär aufgetretenen Handwerkstechniken sehr förderlich sein.

Im restauratorisch, denkmalpflegerischen Handwerk gibt es überall in den Regionen Alleinvertreter ihrer Qualifizierung. Sie haben goldene Hände und einzigartige Erfahrungen. In den seltensten Fällen gelingt es, diese oft nur kleinen Meisterbetriebe zu erhalten. Sie sterben aus. Die Erfahrungen gehen unwiederbringlich verloren. Damit schwindet auch die Fähigkeit, altes Kulturgut fachgerecht zu erhalten. Somit stellt sich die Frage, wie diese Erfahrungen rechtzeitig auf die junge Generation übertragen werden können. Wenn auch eine „Richtlinie für die Schaffung nationaler lebender menschlicher Schätze“ noch aussteht, so möchte der Bundesverband „Restaurator im Handwerk e.V.“ doch schon jetzt die Aufmerksamkeit auf dieses Problem richten. Es geht im Kern darum, etwas salopp gesprochen, „dem Letzten seiner Zunft“ mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Dem Einwand, dass es kaum Aufträge gibt, die solche Tätigkeit verlangen, muss widersprochen werden. Oft ist es die Hilflosigkeit der Auftraggeber, die Ersatzmaßnahmen statt die Originallösung empfehlen. Die Erfahrungsträger sind nicht bekannt oder die Aufträge sollen gezielt andere Personen erhalten. Häufig genug ist die historisch ältere Lösung auch die ökonomische Lösung. Der Zweifel daran kann nur durch die Analyse der Einzelfälle ausgeräumt werden. Eine differenzierte Sicht ist zu erarbeiten. Dazu können wissenschaftliche Institutionen u.a. mit Diplomthemen und Dissertationen einen Beitrag leisten.

Modellversuche sind gefragt

Die Wege einer besseren Übertragung lebender menschlicher Schätze des Handwerks als bisher auf die nachfolgende Generation werden genauer zu erproben sein. Das schließt Rahmenbedingungen für die Fortführung der Betriebe über Generationen ebenso ein wie die sinnvolle Integration in andere Betriebsstrukturen oder kulturelle Institutionen. Darüber hinaus ist eine fördermäßig abgesicherte stärkere Einbeziehung älterer Handwerksmeister in die Fortbildung der Zentren für handwerkliche Denkmalpflege sinnvoll. Der Bundesverband „Restaurator im Handwerk e.V.“ stellt sich diesen Fragen, denn sie betreffen sein ureigenes Anliegen, die Qualität in der Restaurierung und Denkmalpflege des überkommenen Kulturgutes zu sichern.

Aufbau einen Living Human Treasures

Mit dem Förderprojekt des Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn (BiBB), am Berufsförderungswerk des Bauindustrieverbandes Berlin-Brandenburg, ÜAZ Frankfurt (Oder) – Wriezen, verbindet sich auch der Aufbau eines Expertensystems, dass ein Living Human Treasures integriert. Es steht dringend an zu wissen, wo die Traditionsinhaber und großen Talente der historischen handwerklichen Praxis zu finden sind. Es ist bis heute oft nicht einfach herauszubekommen, wer – um ein Beispiel zu nennen – große ornamentierte Terrazzoflächen in historischer Qualität herstellen kann, d.h. in welchem Handwerksbetrieb sich die Erfahrungen er 30er Jahre des 20. Jahrhunderts in der Tradition erhalten haben. Oder, wer ist tatsächlich in der Lage, geflammte Leisten in originaler barocker Oberflächenqualität herzustellen? Als Mitglied des Bundesverbandes wird das Aus- und Fortbildungszentrum in Wriezen seine Ergebnisse eng mit dem aufzubauenden Internetforum des Bundesverbandes koppeln und umgekehrt erhalten die Mitglieder des Verbandes die Möglichkeit der Teilhabe am System „Lebende menschliche Schätze in der Denkmalpflege“.