Flut schädigte auch 4500 Denkmale in Sachsen

(Quelle Wirtschaft??? November 2002)

Noch bis Sonnabend Messe-Doppel in Leipzig zu Wiederaufbau und Erhalt historischer Bauten / Viele Schauvorführungen

Leipzig. Eine Messe für Flutopfer:

Bernd Pittroff und Axel König gehören zur Zielgruppe. Die beiden Familienväter kommen aus Raguhn, einem Mulde-Ort unweit Bitterfeld. Beiden hat die Jahrhundertflut das Wohnhaus verwüstet. „75 Prozent aller Häuser bei uns standen unter Wasser", sagt König. Der Schaden an seinem Einfamilienhaus betrage 50 000 Euro. Bei seinem Nachbarn Pittroff haben Gutachter ebenfalls Schäden in dieser Höhe festgestellt.

Auf der Wiederaufbau-Messe zieht es die beiden Flutopfer vor allem zu den Ständen, die über Verfahren zur Trockenlegung von Fußböden und Mauerwerk informieren. „Zehn Experten, zehn Meinungen", sagt König. „Aber hier habe ich die Experten alle beieinander, kann vergleichen, das spart viel Zeit." Die Messe sei eine tolle Sache, stimmt Pittroff zu, komme aber etwas spät, da er bereits verschiedene Aufträge an Handwerker ausgelöst habe.

Das sieht Andreas Halbritter am Obi-Stand anders. Auf 200 Quadratmeter stellt der Heimwerker-Baumarkt alles aus, was für die Reparatur der Flutschäden an Wohngebäu den gebraucht wird. „Bei vielen stand bis vor kurzem noch das Wasser im Keller, da ist außer Aufräumen bislang wenig passiert", sagt der Obi-Chef für die Region Leipzig. „In unserem Markt in Grimma verkaufen wir derzeit nicht viel mehr als sonst auch, der Kampf gegen die Nässe ist in der Muldenstadt noch nicht vorbei." Für Flutgeschädigte bietet der Heimwerker-Markt Rabatte. Zudem informieren am Stand Lieferanten über ihre Produkte.

Ein Reparatur-Hemmnis ist auch das Geld: Viele Flutopfer warten noch immer auf die Versicherung oder Unterstützung vom Staat. „Die Bearbeitung durch uns läuft zügig", versichert eine Mitarbeiterin am Stand der Sächsischen Aufbaubank. Allerdings würden Betroffene zum Teil erst jetzt Anträge auf finanzielle Hilfe stellen. Und es gebe Betroffene, die nicht wüssten, dass sie Recht auf Unterstützung hätten. „Mit unserem Beraterstand sind wir goldrichtig."

Beratung steht ohnehin im Mittelpunkt der Wiederaufbau-Messe, auf der noch bis einschließlich Sonnabend 260 Aussteller hochwassergeschädigten Hausbesitzern, Unternehmen und Kommunen ihre Dienste anbieten. Im Halbstundentakt wechseln im Forum (Halle 4) Themen und Redner, geht es um juristische Fragen, Versicherungsleistungen oder praktische Tipps zum Wohnungsbau.

Dass die Messe zeitgleich mit der Denkmal-Schau stattfindet, macht doppelt Sinn, da von 23 500 geschädigten Häusern in Sachsen 4500 geschützte Bauten sind. „Allein an sächsischen Denkmalen und Kirchen ist ein Schaden in Höhe von 139 Millionen Euro entstanden", so Messesprecher Ulrich Briese. Zudem ist die „Denkmal" wie jedes Jahr sehenswert, schon weil an zahlreichen Ständen Restauratoren Einblicke in ihre Arbeit geben.

So werden Bleiglasfenster hergestellt, Schieferschindeln bearbeitet oder Mosaike gefertigt. Am Stand der Brandiser Firma Fichtner Raumwelten haucht Herbert Döbler einem Ohrensessel von 1875 wieder Leben ein. Der Meister bringt gemeinsam mit Lehrling Yvonne Erbs die Federung in Ordnung, bessert die Polsterung aus. „Wir versuchen, die Geschichte des Möbels zu erzählen", sagt Döbler und zeigt auf die verschiedenen Polstermaterialien. Darunter Alpengras und Tierhaare. „Haltbarer als Schaumstoff ist das allemal", so der Restaurator aus Leidenschaft, der eigentlich schon im Ruhestand ist.

 (Text: Andreas Dunte/Foto: Wolfgang Zeyer)