Erhaltenswert

(Quelle: bausubstanz 03/00)

Von Guido Kramp

Der Umgang mit alter Substanz fordert von jedem, der sich damit ernsthaft beschäftigt, ein Höchstmaß an Respekt gegenüber den historischen Konstruktionen. Um bei geplanten Eingriffen eine denkmalgerechte und vor allem verträgliche Lösung zu erarbeiten, bedarf es Sorgfalt. Überlegung, umfangreicher Kenntnis der historischen und heutigen Handwerkstechniken und vor allem auch an Diplomatie. Schließlich gilt es, verschiedene Interessen zu berücksichtigen: Der Bauherr ist oft der Meinung, dass seine alten Fenster sowieso nicht mehr reparaturfähig sind und dass nur neue Fenster gute Fenster sind. Der Denkmalpfleger versucht natürlich, so viel wie möglich zu erhalten und der Architekt hat oftmals wenig Kenntnis von historischen Fenstern und ist somit auf der Seite des Bauherren und für einen Austausch. Eine wichtige Voraussetzung für eine sinnvolle und vor allem denkmal-gerechte Lösung ist ein Ortstermin mit dem Bauherren, dem Denkmalpfleger und dem Architekten. In der Vergangenheit konnte ich viele »erneuerungs-wütige« Altbaubesitzer von der hohen Qualität, den einmaligen und oft liebevollen Details und vor allem auch der Reparaturfähigkeit ihrer Fenster überzeugen. Wenn Lärm- und Schallschutz, manchmal auch Einbruch-hemmung als Grund für neue Fenster angeführt werden: oft können mit Innenvorfenstern - auch wirtschaftlich - bessere Lösungen erzielt werden.

Wie die Vorgehensweise im Detail aussehen kann, möchte ich an einem über lange Jahre leer stehenden Fachwerkhaus aus dem Jahre 1752 vorstellen, dass vor zwei Jahren zur Sanierung anstand. Beim Ortstermin zeigten sich - nicht unüblich für Baudenkmäler - verschiedenste Fensterkonstruktionen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Anfänge des 20, Jahrhunderts, schließlich noch einige Fenster aus den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Um die weitere Vorgehensweise mit allen Beteiligten abzustimmen, habe ich eine detaillierte Bestandsaufnahme des
Ist-Zustandes mit Lösungsvorschlägen angefertigt.

Nach sorgfältiger Prüfung des Denkmalwertes und der Erhaltungsfähigkeit eines jeden Fensters konnte ich zusammen mit der Architektin und dem zuständigen Denkmalpfleger ein Sanierungskonzept ausarbeiten. Für das Fachwerkhaus haben sich dabei konkrete Lösungen ergeben: Eine Vielzahl der nach außen öffnenden Fenster konnte aufgearbeitet und durch Innen-vorfenster ergänzt werden. Eine ganze Reihe von Fenstern, die keinen hohen Denkmalwert besitzen beziehungsweise nicht mehr reparaturfähig sind, wurden gegen dreifachverglaste Verbundfenster ausgetauscht. Im Sockelbereich fanden schließlich neue einfachverglaste Fenster Verwendung.

Restaurierte Fenster

Für die Fenster, die restauriert werden sollten, hatte ich eine Schadens-kartierung erstellt. Die Schadenskartierung ist bei anspruchsvollen Sanierungen eine wesentliche Arbeitsgrundlage und hilft den Beteiligten in vielerlei Hinsicht: Dem Restaurator bei der Kostenkalkulation, dem Denkmal-pfleger für die Genehmigung (und die Denkmalakte), dem Architekten als Dokumentation der zu erbringen den Leistung und dem Bauherren als Nachweis erbrachter Arbeit. Nach dem Grundsatz »so viel wie nötig, sowenig wie möglich« arbeiten wir die historischen Fenster auf. Im vorgestellten Fall bot sich der Ausbau und die Überarbeitung in unserer Werkstatt an. Bei der Restaurierung legen wir Wert darauf, alte Bauteile so umsichtig und sensibel zu sanieren, dass der eigentliche Charme beziehungsweise die denkmal-pflegerische Aussage erhalten bleibt. Ein wesentliches Ziel ist somit die Erhaltung der Gebrauchsspuren.

Ergänzung Durch Innenvorfenster

Die Innenvorfenster haben wir bewusst mit Isolierverglasung gewählt: Der Aufbau der Wand mit der zusätzlichen Wärmedämmung und dem Temperierungssystem begründete diese Wahl. Wichtig bei den Innen-vorfenstern ist die extreme Reduzierung sämtlicher Hölzer, um den Lichteinfall der kleinformatigen Fachwerköffnungen nicht zusätzlich zu verringern.

Neue Verbundfenster

Um ein stimmiges Gesamterscheinungsbild aus sanierten historischen und neu eingebrachten Fenstern in der Fassade zu erreichen, fiel die Wahl auf Verbundfenster. Die Konstruktion aus äußerem Flügel mit Einfachglas und innerem Flügel mit Isolierglas stellte eine ideale Lösung dar.Einerseits fügt sich dieser Fenstertyp mit historischen Details wie geschlossener Brüstung, klassischem Leinölkitt und drei Millimeter Verglasung optisch unauffällig in die Fassade ein, andererseits bringt die innere Isolierverglasung die entsprechende Wärmedämmung, die durch den Wandaufbau modernen Ansprüchen voll gerecht wird.

Neue Türen Und Isolierglasfenster

In enger Abstimmung mit der Architektin und dem Denkmalamt wurden die Außentüren und das große Dielentor sowie einige Oberlichter neu angefertigt. Bei den Türen und Isolierglasfenstern war besonders die Einbausituation zu berücksichtigen.Da alle Elemente ohne Anschlag stumpft ins Fachwerk eingebaut werden mussten, war die Reduzierung aller Rahmen und Flügelhölzer zwingend notwendig. Auf die Angleichung der Sprossenbreite an die der einfachverglasten Verbundfenster wurde ebenfalls großer Wert gelegt. Um ein Baudenkmal wie das vorgestellte Fachwerkhaus erfolgreich und zur Zufriedenheit aller Beteiligten zu sanieren, müssen regelmäßig viele Erfahrungen in die Beratung einfließen.

Qualität Und Sorgfalt In Der Beratung

Ob in der Restaurierung oder beim Einsatz neuer Fenster: Die lapidare Forderung nach denkmalgerechten Holzfenstern, die viele Architekten, Denkmalpfleger und Bauherren stellen. führt zu einer ganzen Reihe von Nachfragen.

Grundkonstruktion der Holzfenster:Können wie im Beispiel des oben genannten Fachwerkhauses verschiedene Konstruktionen in einem Haus verwendet werden? Bis zu welchem Grad sollen die Fenster aufgearbeitet werden? Wenn keine historischen Fenster mehr vorhanden sind - gibt es eventuell auf dem Dachboden oder im Keller noch alte Fenster als »Nachbauanleitung«?

Farbigkeit: Nicht alle Fenster waren weiß! In viel zu wenigen Fällen wird eine Farbuntersuchung durchgeführt. Oft waren gerade die Fenster aus der Jahrhundertwende farbig. Auch wenn ein Farbbefund die Farbe Weiß festlegt: zwischen Altweiß und dem heute oft verlangten Reinweiß sind erkennbare Unterschiede.

Bauphysikalische Zusammenhänge:
Nicht immer sind Fenster, die der Wärmeschutzverordnung entsprechen, eine intelligente Wahl. Oft kommt es bei zu gut gemeinter Dämmung der Fenster zu schlimmen Bauschäden, wenn das Haus gesamtheitlich nicht einbezogen wurde.

Einbau: Einen wesentlichen Qualitätsanspruch stellt auch die Einbausituation. Immer wieder werden, sogar in Fachwerkbauten, aus Unwissenheit oder Preisdumping, Fenster und Türen mit Montageschaum eingesetzt. Gerade bei der Altbausanierung ist es sehr wichtig, nur authentische Materialien zu verwenden. Ideal eignen sich für eine denkmalgerechte Abdichtung getränkte Hanfstricke, Hanfschnüre, Kalkhaarmörtel und auch Spritzkork oder Mineralwolle. Besonderer Wert muss in jedem Fall darauf gelegt werden, dass die verwendeten Materialien nicht dampfdiffusionsdicht sind.Im Fachwerkbau, der oft einen fassadenbündigen Einbau der Fenster mit sich bringt, ist unbedingt auch auf einen konstruktiven Wetterschutz wie zum Beispiel einen über dem oberen Blendrahmen sitzenden Wetterschenkel zu achten.

Mein besonderer Dank bei der Sanierung des Fachwerkhauses gilt der hervorragenden Architektin Frau Dipl Ing. Andrea Ernst, 32760 Detmold und der Vielseitigkeit der Firma PaX Holzfenster GmbH aus Bad Lausick.