Ein Herz für die Hauptschüler

(Quelle: Lippische Landeszeitung vom 24. März 2006)

 

„Schlechte Noten kann man ausgleichen“

 

Kreis Lippe (dk). "Man ist nicht nur für das verantwortlich für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut." Das Molière-Zitat warf Waltern Kern bei der Gründungsveranstaltung des Vereins " …an die Arbeit e.V." im November 2005 als Fehdehandschuh gegen die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen in den Ring.

Kein Zweifel, Lippe ist in der Lehrstellenmisere. Viele Jugendliche sitzen auf der Straße und haben gar keinen Ausbildungsplatz, andere stecken in so genannten berufsorientierten Vorbereitungen oder in unbezahlten Praktika fest. Ausbildungspakt oder Ausbildungsplatz-Abgabe? Was ist der richtige Weg? Darüber hat die Politik lange gestritten, doch das richtige Rezept gegen das Problem scheint bis heute nicht gefunden.

Deshalb sind private Initiativen wichtiger denn je, ist Solidarität gefragt. Die Vereinsmitglieder von " …an die Arbeit" wollen durch private Initiativen die professionellen Partner im Arbeitsmarkt unterstützen. Walter Kern: "Die Agentur für Arbeit, das Netzwerk Lippe, Lippe pro Arbeit, die Schulen, Lehrer, oder die verschiedenen Ausbildungsbetriebe leisten gute Arbeit. Aber das allein wird in den nächsten Jahren nicht ausreichen. Allein nur 17 Prozent der Hauptschulabsolventen erhalten zur Zeit einen Ausbildungsplatz."

Also keine Lobby für Hauptschüler? Nein, zumindest bei Andreas Kramp, Geschäftsführer bei Kramp & Kramp in Lemgo-Lieme und seit der Gründung Mitglied im Verein, spielen die oft mir Vorurteilen belasteten Hauptschüler eine ganz andere Rolle. Wo drückt die Betriebe der Schuh? Die Ausbildungsvergütung steht nicht an erster Stelle. Die meisten Betriebe sagen: Wir finden keine geeigneten Bewerber. Wobei man natürlich auch sehen muss, wie weit sind die Betriebe bereit, auch Jugendlichen eine Chance zu geben, die nicht in vollem Umfang den Erwartungen entsprechen.

Andreas Kramp gibt die Chancen. Statt einem stellt er jetzt gleich zwei vornehmlich Hauptschüler in den Ausbildungsberufen Maurer und Tischler ein, wobei er auch "gebrochenen Karrieren" einen Start ermöglicht. Meist erfolgt das in Zusammenarbeit mit Bildungsträgern, die die zusätzliche Betreuung übernehmen. Nicht verschwiegen werden darf, dass auch dem Baumeister und geprüften Restaurator im Maurerhandwerk, als Geschäftsführer zuständig für Baudenkmalpflege und Altbausanierung, manchmal der sprichwörtliche "Hut hoch geht." Dann nämlich. Wenn die unabdingbaren Tugenden ordentlich, fleißig, pünktlich, kollegial den Bach herunter gehen. Andreas Kramp: "Teilweise schlechte Noten sind ja nicht positiv, aber die kann man ausgleichen, aber alles andere muss einfach vorhanden sein. Sonst würde das ganze Team leiden, und das kanns nicht sein." Für den Liemer ist darüber hinaus wichtig, dass potentielle Azubis zumindest ein längeres Praktikum oder Vorbereitungszeit absolvieren, um geprüft zu werden, aber auch um sich selbst zu testen, um später sicher zu sein, den richtigen Beruf gewählt zu haben. Grundsätzlich sind Andreas Kramps Erfahrungen positiv, von durchschnittlich drei Azubis bleiben zwei dran. Gleichwohl kann der renommierte Liemer Betrieb in seiner Ausbildung nicht alle Schwächen kompensieren, nicht alle Lücken füllen, die in der Schule oder auch im Elternhaus entstanden sind. Kramp: "Bei allem Wohlwollen und Verständnis, auch in unseren Berufen wachsen die Anforderungen in Schule und Betreib. Aber wenn wir nur die geringste Chance sehen, jungen Menschen bei ihrem schweren start in den Beruf zu helfen, dann tun wir das."